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Vor dem Vergessen bewahren - Neue Heimat Winsen
Das Filmprojekt “Vor dem Vergessen bewahren” arbeitet die Geschichte der Heimatvertriebenen in Winsen auf. Durch die anekdotische Erzählweise interviewter Zeitzeugen, die von Ankunft und Einleben in der neuen Heimat berichten, eröffnet sich eine persönliche Perspektive auf die wirtschaftlichen und politischen Umstände der deutschen Nachkriegszeit. Der Ethnologe und Filmemacher Gábor Henry Raschberger ist mit der Konzeptualisierung und Durchführung des Forschungsprojekts betraut und teilt in diesem Blog regelmäßig Einblicke und besondere Geschichten.
Dieses Projekt wird ermöglicht durch die Förderung der
Projekttagebuch
November 2025
Die Arbeit mit den Daten
Die vielen Gespräche mit
Zeitzeugen, Angehörigen und Beobachtern werden für das Projekt „Vor dem
Vergessen bewahren“ als Filmdateien festgehalten. Nach zwölf Monaten der
Datenerhebung hat sich so über 35 Stunden an Videomaterial angesammelt. Die
vielen Informationen müssen vor ihrer Auswertung auf unterschiedliche Weise
aufbereitet werden. Zu Beginn werden die Datensätze nach Personen und
Aufnahmedatum sortiert. Anschließend müssen besonders lange Interviews
verschriftlicht werden. So kann später gezielt nach Stichworten (etwa Kindheit,
Heimat oder Flucht) gesucht werden. Um die vielen Perspektiven auf die Ankunft
der Heimatvertriebenen angemessen aufzubereiten, ist die enge
Auseinandersetzung mit den individuellen Geschichten notwendig. Ein großer
Prozess vor dem Filmschnitt besteht also darin, die Berichte in ihrer
tatsächlichen Chronologie nachzuvollziehen. Schließlich verlaufen Erinnerungen
an die Vergangenheit nicht immer geradlinig. Oft greifen sie im Laufe eines
Gespräches zeitlich vor, springen zurück oder müssen neu sortiert werden. Erst
wenn die unterschiedlichen Lebensgeschichten verstanden und geordnet sind,
beginnt am Computer das Aufteilen in relevante Unterkapitel. Daraus lassen sich
anschließend die Anekdoten verschiedener Zeitzeugen vergleichen und verdichten.
Die Kombination unterschiedlicher Perspektiven auf spezielle Geschehnisse (etwa
das Leben als Kind im Siedlungshaus, die Schulzeit oder Herausforderungen im
Alltag) bestimmt meine momentane Arbeit an dem Projekt. Wie sich aus
Übereinstimmungen, Widersprüchen und Parallelen ein komplexes Bild der
Vergangenheit zeichnet, ist dabei besonders faszinierend.
Ich freue mich, Ihnen bald von weiteren Projektfortschritten berichten zu können.
Herzliche Grüße
Ihr Gábor Henry Raschberger
Juni 2025
Heimatlieder
Heimatlieder, wie sie in diesem Heft aus den 1960er Jahren zu finden sind, bedeuten für viele der vertriebenen Familien mehr als bloßes Erinnern. An Stellen, wo meist nur wenig bis keine materiellen Besitztümer aus der ehemaligen Heimat bewahrt werden konnten, füllen die Texte eine emotionale Lücke. Auch heute spielen Stücke wie das „Schlesier-Lied“ oder das „Ostpreußen-Lied“ eine zentrale Rolle in der individuellen und institutionellen Erinnerungskultur. In diesem Zuge offenbart sich eine weitere wichtige Dimension der geteilten Identität.
Im Vorwort des Hefts „Heimat – deine Lieder“ heißt es so: „(…) der Zauber des gemeinsam gesungenen Liedes vereint uns immer wieder in allen schönen Stunden des Lebens.“ Deutlich wird hier die Komponente, der geteilten Erfahrungen und der gemeinsamen Erinnerung, die durch die Kraft der Lieder in geselliger Runde thematisiert werden können. In den Auffanglagern für Heimatvertriebene sind zunächst die lokalen Kirchen und das Rote Kreuz für die Verteilung kleiner Liederbücher zuständig. Später erscheinen dann umfangreichere Liedersammlungen, die sich an ein breiteres Publikum richteten. Dass die primäre Zielgruppe dieses speziellen Hefts vermutlich dennoch aus Heimatvertriebenen bestand, offenbaren seine letzten Seiten: Reklame für Düngemittel, Beratungsstellen und Werkvertretungen richteten sich in erster Linie an die große Zahl an Siedlerfamilien, die ihre Gärten zum Anbau von Obst und Gemüse nutzten.
April 2025
Das selbstgebaute Auto in der Vertriebenenunterkunft
Wohnbaracken am Tönnhäuser-Deich wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ankunftsort der Vertriebenen in Winsen. Horst Kaczmarek lebte über mehrere Jahre mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern in diesem Lager. Der Spitzname „Ascheberg“, den die Anwohner dem Ort gaben, spielt darauf an, dass auf dem danebenliegenden städtischen Müllplatz auch die Kohlereste der Stadt entsorgt wurden. Durch diese spezielle Lage gab es für die Kinder stets vieles zu erkunden. Neben den Abenteuern auf dem Schutt der Stadt erinnert sich der Zeitzeuge Kaczmarek an zahlreiche Anekdoten. Er lacht, als er ein schwarz-weißes Foto aus einem großen Stapel zieht: „Das ist das erste Auto auf dem Ascheberg. Marke Eigenbau und hat jemand aus einem Motorrad gebaut.“ Als neugieriger Junge darf Kaczmarek sogar einmal, zusammen mit dem kreativen Tüftler, in den Nachbarort fahren: „Da habe ich gedacht, da gibt es bestimmt schön etwas zu essen. Wurst oder etwas in der Richtung. Was es dann gab – ich war so enttäuscht – was auch so üblich war: Gurkenscheibe auf Brot und Salz darauf. Die Leute waren auch alle arm. Dann ging es wieder zurück.“ Trotz der enttäuschenden Bewirtung erinnert er sich gerne an die Fahrt, die er in der Ritze des Rücksitzes verbringen musste. Eines von vielen Abenteuern, die er mir im Laufe unserer Treffen schilderte und die für das Filmprojekt „Vor dem Vergessen bewahren“ aufgearbeitet werden.
Es freut mich, Ihnen im nächsten Monat eine weitere Geschichte berichten zu können.
Viele Grüße Gábor Henry Raschberger
März 2025
Zeitgeschichte aus der Nachbarschaft: Die Siedlungshäuser
Nur einen Kilometer vom Marstall entfernt, eröffnet sich die historische Bedeutung zweier unscheinbarer Straßen. Auf den ersten Blick wirken die Goethe – und Schillerstraße in Winsen heute wie ruhige Wohngegenden. Erst bei genauerem Betrachten wird ersichtlich, welche historische Rolle sie in der Stadtgeschichte einnehmen: Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs noch von lokalen Kleinbauern bewirtschaftet, wurden die anliegenden Grundstücke zum neuen Zuhause vieler Siedlerfamilien, die nach 1945 als Heimatvertriebene nach Winsen kamen. Trotz des sandigen Bodens, unbefestigter Straßen und fehlender Anbindung an das Abwassernetz arrangierten sich die Siedler schnell mit der herausfordernden Situation. Viele schufen sich unter Einsatz harter Arbeit neue Existenzen, in Form freistehender Häuser mit Gärten. Einige, der in dieser Zeit entstandenen Siedlungshäuer sind heute noch in ihrer originalen Form erhalten. Dadurch geben sie Aufschluss über die Lebensumstände zu ihrer Entstehungszeit. Die ikonische Dachschräge zur Unterbringung von Schweinen am Haus, die Aufteilung der Häuser zur Doppelnutzung und die angrenzenden, wie mit dem Lineal gezogenen Gärten sind nur einige Belege für den vorgesehenen Lebensentwurf der bescheidenen Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung). Nach dem Heimatverlust boten die Häuser nicht nur Wohnraum, sondern die Möglichkeit, ein neues Leben und damit ein neues Zuhause aufzubauen. Häufig in Selbsthilfe errichtet, steckt in den freistehenden Häusern somit die Energie und identitätsbildende Schaffenskraft ganzer Generationen. An – und Umbauten ermöglichen es, die Häuser weiterhin zu nutzen und somit als materielle Zeitzeugen zu bewahren. Das Filmprojekt „Vor dem Vergessen bewahren“ macht es sich zur Aufgabe, die individuellen Geschichten der Bewohner in den Lebensraum der Siedlungen einzubetten und den Häusern so eine Stimme zu geben.
Ich freue mich, Ihnen hier bald weitere Einblicke in diesen Prozess geben zu können.
Herzlichst Gábor Henry Raschberger
Ein typisches Siedlungshaus in der Schillerstraße
Heimatvertriebene in Winsen
Rund 12 Millionen Heimatvertriebene flohen nach dem Zweiten Weltkrieg in den Westen. Tausende kamen in die Dörfer und Städte des Landkreises Harburg. In Winsen fanden über 3300 Heimatvertriebene ein neues
Zuhause.
Das Projekt “Vor dem Vergessen bewahren” thematisiert das Ankommen dieser Menschen in Winsen.